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11.05.2010

Andere Sportart - ähnliche Probleme: Handball-Schiedsrichter

Handball-Schiedsrichter

Von den Eltern vergrault
Von Felix Helbig
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/sport/aktuell/2264676_Handball-Schiedsrichter-Von-den-Eltern-vergrault.html
vom 3.2.2010
Diese Heldengeschichte aus dem deutschen Handball handelt nicht von den großen Taten starker Männer wie Michael "Mimi" Kraus oder Michael "Hasi" Haaß, sie erzählt von Lars Hoffmann. Hoffmann ist Jugendtrainer beim TVB Hamburg und hat im Gastspiel seiner Jungs in Buxtehude die Grüne Karte gezückt, ohne die damit geforderte Auszeit für Instruktionen seiner Spieler zu nutzen.

Stattdessen überquerte er das Feld, baute sich vor der Tribüne auf und redete auf die mitgereisten Eltern ein. Sie sollten es doch unterlassen, die beiden 15 Jahre alte Schiedsrichter zu beschimpfen, polterte er. Wer es nicht ertragen könne, dass diese auch mal Fehler machten, der möge bitte die Halle verlassen.


Seither ist Hoffmann ein Held. Er hat etwas gewagt, hat sich aufgelehnt, vielleicht hat er sogar ein bisschen was verändert. Das größte Problem des deutschen Handballs gelöst hat Hoffmann aber nicht: Unterhalb der oberen Spielklassen gehen dem Hallensport die Schiedsrichter aus.

Allein in Hessen erklärten im vergangenen Jahr 194 Handball-Schiedsrichter in sieben Bezirken ihren Rücktritt. Besonders viele Abgänge verzeichnen die Bezirke Kassel (58) und Gießen (50). Gleichzeitig wurden mehr als 30 Vereine bestraft, weil sie erst gar keine Schiedsrichter zum Spielbetrieb angemeldet hatten.

Im benachbarten Baden-Württemberg waren zwar die Lehrgänge für Schiedsrichteranwärter noch einigermaßen gut besucht, allerdings hörten 80 Prozent der Neulinge schon im ersten Jahr wieder auf als Unparteiische. Ähnliche Zahlen melden die Landesverbände in Berlin, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.

Peter Rauchfuß, Schiedsrichterwart beim Deutschen Handballbund (DHB), bestätigt diese Zahlen. "Das ist ein bundesweites Problem im Handball, das uns sehr beschäftigt", sagt er. "Wenn wir jetzt nichts unternehmen, werden wir bald nicht mehr spielen können."

Als Rauchfuß vor Kurzem nach Baden-Württemberg reiste, um das vom dortigen Handball-Verband ausgerufene "Jahr des Schiedsrichters" mit zu eröffnen, wurden ihm Statistiken vorgelegt, die den Schiedsrichterwart nachdenklich stimmen: "Mehr als 60 Prozent der Handball-Schiedsrichter, die wieder aufhören, geben das Umfeld als Grund für ihre Entscheidung an", sagt Rauchfuß.

Sie hätten es vor allem mit überambitionierten Eltern zu tun, die sich während der Spiele "in bisher nicht bekannter Form" mit den Schiedsrichtern anlegten. Ein aus dem Fußball durchaus bekanntes Phänomen.

Wenn es schon so weit sei, sagt Rauchfuß, "dass Jugendtrainer die Eltern zur Ruhe rufen müssen, dann ist etwas faul". Im Handball müsse dringend etwas getan werden, um wieder "mehr Kultur in die Landschaft" zu bringen. Das baden-württembergische "Jahr des Schiedsrichters" sieht Rauchfuß als einen ersten Schritt.

Allerdings liegt das Problem tiefer, als dass es in Turnhallen gelöst werden könnte, in denen der Schiedsrichter jedes vom Rang gerufene Wort versteht. Weil die Vereine in unteren Spielklassen die Schiedsrichter selbst stellen müssen, werden oftmals schlechte Spieler überredet zu pfeifen, obwohl sie gar keine Ambitionen haben und deshalb auch schnell wieder aufhören.

Oftmals, sagt der Präsident des Hessischen Handball-Verbands, Rolf Mai, würden Jugendliche in den Vereinen zu Schiedsrichtern befördert, "die gar nicht motiviert sind oder die, wenn sie denn motiviert sind, schlicht keinen Führerschein haben, sodass sie die Hallen, in denen sie pfeifen sollen, gar nicht immer erreichen können".

Da die Vereine ihre Schiedsrichteranwärter zudem selbst zu Lehrgängen schicken müssen, seien viele Klubs eher bereit, das Schiedsrichtersoll an den Verband zu zahlen, ein Strafgeld für den Fall, dass der Unparteiische fehlt. Allein bei ihm im Landesverband gebe es Vereine, sagt Mai, die jedes Jahr bis zu 4000 Euro Schiedsrichtersoll zahlen.

Auch Rauchfuß plädiert dafür, neben Appellen an das Umfeld auch die Ausbildung von Schiedsrichteranwärtern zu verbessern. "Wir müssen die jungen Leute da besser betreuen und ihnen nicht nur ein Heft in die Hand drücken, in dem steht, wie sie sich verhalten sollen", sagt der Schiedsrichterwart. Gefordert seien aber auch die Vereine, "die es sich nicht so leicht machen dürfen und die Schiedsrichter in das Vereinsleben integrieren müssen". Auch Mai sagt: "Zum Spiel gehört ein Schiedsrichter, das sollten sich alle klarmachen."

Einen Trick, zu dem viele Vereine bislang griffen, hat der DHB indessen unterbunden: Das Schiedsrichtersoll wird seit 2008 immer für das Folgejahr berechnet. So verhindert der Verband, dass Klubs einfach zum Stichtag am 1. Juli eines Jahres ihre Schiedsrichter meldeten, sie aber am 2. Juli wieder abmeldeten - früher eine durchaus verbreitete Praxis. Inzwischen muss ein Schiedsrichter nachweislich ein ganzes Jahr lang im Einsatz an der Pfeife gewesen sein.

Doch nicht in jeder Halle stellen sich Trainer so zwischen Eltern und Schiedsrichter wie der kleine Handballheld Lars Hoffmann in Buxtehude. Jugendliche verlieren so natürlich schnell die Lust. Andererseits, sagt Rolf Mai, finde man in keinem Verein einen Spieler, der mit 30 aufhört und dann Schiedsrichter wird. "Denn der weiß ja ganz genau, was in den Hallen abgeht."

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